Die Rache von Sat1 an der Wanderhure

Letzte Woche lief auf dem bekannten Privatsender „Sat1“ eine weitere Verfilmung der „Wanderhuren“-Bücher von Iny Lorentz. Ich habe mir diesen Meilenstein der Fernsehunterhaltung jetzt kürzlich auch angeschaut. Zuerst dachte ich, es sei die Verfilmung des zweiten Buches über die Wanderhure, Marie Adler. Der Film erinnerte aber so überhaupt nicht an das zweite Buch mit dem Titel „Die Kastellanin“ von Iny Lorentz, welches ja die Fortsetzung der Wanderhure ist. Was ist denn da passiert? Schlechte Buchverfilmung? Naja, das scheint jetzt modern zu sein: das Buch „Die Kastellanin“ wurde umgeschrieben, wie es heisst „…nach dem Drehbuch der gleichnamigen Verfilmung von Sat1…“ und heisst jetzt nicht mehr „Die Kastellanin, sondern eben „Die Rache der Wanderhure“. Inhaltlich hat die ganze Story aber gewaltig an Sinn verloren.

Bildquelle: Sat1 - Rechte: Sat1
Bildquelle: Sat1 - Rechte: Sat1

Es ist zwar schon etwas her, als ich die Bücher von Iny Lorentz gelesen habe, aber irgendwie erkenne ich die Story in den Filmen nicht wieder. Beim ersten Film gings ja noch, da waren immerhin noch sowas wie Parallelen zum Buch zu erkennen. Bei diesem Film, also „Die Rache der Wanderhure“ war ich aber jetzt mal total überrascht. Außer die Namen der Darsteller hat diese Verfilmung mit dem Buch garnix mehr gemeinsam. Die Story is total anders, die Handlung auch (außer das Michel umgebracht werden sollte und verwundet wurde und sein Gedächtnis verloren hat). Und der Inhalt?? Also naja, Esther Schweins als Nonne is ja nix Neues, das kennen ja die meisten noch aus „RTL Samstag Nacht“. Ähnlich witzig wie die Auftritte bei RTL Samstag Nacht war auch dieser Auftritt als Nonne von Frau Schweins in dem Wanderhuren-Nachfolgefilm.

Gut, über die Authentizität des Films brauchen wir uns eigentlich auch nicht unterhalten. Ich meine, Kopfbedeckung bei verheirateten Frauen im Mittelalter werden ja ohnehin total überbewertet. Stiefel und Armstulpen.. naja.. eigentlich auch. In einem Mittelalterforum wurde kürzlich über den Reitstil der Frauen im Mittelalter diskutiert. Da kamen einige Meinungen zusammen von „Frauen durften im Mittelalter überhaupt nicht reiten“ bis „die sind nur im Damensattel so schief auf dem Pferd geritten, weil Hosen durften Frauen nicht tragen und mit langen Kleidern kann man nicht richtig im Sattel sitzen“. Der Film hier bot uns ja eine sehr schöne Lösung an: der Rock muss nur bis unter die Achseln der Frau auf der Seite geschlitzt sein und schon kann man auch als Frau prima auf dem Pferd im handelsüblichen Mittelalter-Sattel reiten. Und natürlich werden im Sommer dabei die rasierten Beine der mittelalterlichen Frau auch dadurch gut belüftet, dass der Rock die Beine ja gänzlich der Zugluft freigibt. Ich hoffe, es haben sich dadurch nicht zu viele Kastellaninnen bei ihren Ausritten erkältet.
Irgendwie hatte man wohl noch etwas Zeit für den Film über, sonst wäre der zu Kurz gewesen und hätte sich nicht mit Werbung auf ganze 2 Stunden aufblasen lassen. Für diese 10 Minuten fiel den Autoren aber keine vernünftige Handlung mehr ein (guter Witz.. als ob die restliche Handlung des Films vernünftig war..) und was macht man da? Klar, man klaut mal eben von anderen Filmen. So hat man einfach die Anfangsszene von Micheal Manns Verfilmung von „Der letzte Mohikaner“ (1992) hergenommen und mitten in den Film eingebaut. Ich meine, das ganze is ja schon irgendwo logisch: was macht ein deutscher Reichsritter, der sein Gedächtnis verloren hat? Klar, er geht mit nacktem Oberkörper mal eben im Wald einen Hirsch jagen. Achso, ihr denkt jetzt „Jagen? Ah.. verstehe.. wie im Mittelalter entweder eine Treibjagt wo die Jäger auf dem Pferd die Tiere jagen oder die Hunde die Tiere jagen und die Jäger mit Pfeil und Bogen aus dem Unterstand die gehetzten Tiere erlegen, wenn diese am Unterstand vorbeikommen“. Das wäre jedenfalls die mittelalterliche Methode der Jagd gewesen. Aber nein, da der edle Ritter ja vom Ur-ur-ur-Enkel von Dschingis Khan gefunden wurde (der nebenbei bemerkt auch noch 4 Semester Gehirnchirugie sowie 3 Semester Neurologie studiert hat, bevor er das Kampfkunst-Studium angefangen hat) und dieser Mongole ja mütterlicherseits von den Mohikanern abstammt, hat dieser ihm gleich auch die traditionelle Jagdmethode der Mohawk-Natives aus Nordamerika beigebracht. Und wenn man erstmal das größte Tier, also den Hirsch, der damals in den Wäldern lebte, gejagt hat, dann kann man so ne Jagd ja nur noch übertreffen indem man den besten Freund mit nem Pfeil durch den Hals erledigt. Aber immerhin, sehr abwechslungsreich der Film.

Zusammengefasst kann ich sagen, der Film ist eine ganz nette Unterhaltung für einen Dienstagabend vor dem Fernseher. In Sachen Kulisse und Kostümen hat man sich etwas Mühe gegeben, wenn auch nicht in Richtung authentischer Mittelalterdarstellung, aber ok. Seichte Unterhaltung im Mittelalter-Kostüm trifft es wohl am besten. Das Wort „Romanvorlage“ für das Buch von Iny Lorentz ist eigentlich eine Beleidigung für das Buch. Als Vorlage hat allenfalls der Titel des Buches gedient, ich bezweifle ernsthaft, dass sich die Autoren des Films die „Romanvorlage“ überhaupt durchgelesen haben. Ich glaube vielmehr das ein Praktikant für die Autoren des Films die „Romanvorlage“ durchgelesen hat und die wichtigen Dinge wie „Marie, Michel, Trudi, Thomas, die andere Ex-Hure, deren Namen ich gerade vergessen habe.. achso.. Hildtrud, Hettenheim, Inquisitor, Michel umbringen, fast tot, Hussiten, Marie suchen Michel, Sukolny“ mit einem Textmarker markiert hat und die Filmautoren und der Regisseur aus diesen Stichpunkten dann einen Film konstruiert haben.

Jetzt aber nach all den Worten auch noch ein paar Ausschnitte des Films:

Und wer sich die richtigen Bücher mal anschauen oder gar lesen möchte, der kann sich die hier bestellen:

Die Wanderhure (Knaur TB)

Die Kastellanin (Knaur TB)

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